15.11.2016 Sandbostel Von: Monika Hahn
Themenrundgang auf der Kriegsgräberstätte Sandbostel

Lehrstunde am Ort des Gedenkens

Anlässlich des diesjährigen Volkstrauertages lud Andreas Ehresmann zu einem öffentlichen Rundgang über die Kriegsgräberstätte Sandbostel ein

Besuchen sonst vor allem Schulklassen die Gedenkstätte, war dies der erste öffentliche Themenrundgang.

Gleich zu Beginn betonte Andreas Ehresmann, dass die Geschichte der Kriegsgräberstätte und die des ehemaligen Kriegsgefangenenlagers Stalag XB bei Sandbostel untrennbar seien. Ebenso, wie die Kriegsgefangenen der verschiedenen Nationen ungleich behandelt worden waren, setzte sich diese Ungleichheit bis in ihren Tod fort: Aus dem Lager ist bekannt, dass insbesondere die sowjetischen Gefangenen sehr schlecht behandelt worden sind. Und während beispielsweise britische Kriegsgefangene mit einer Zeremonie und Kranzbeilegung beerdigt wurden, verscharrte man die sowjetischen Kriegsgefangenen in Massengräbern.

Den Schwerpunkt seines Themenrundganges legte Ehresmann auf den Wandel der Kriegsgräberstätte, die seit ihrer Eröffnung 1942 immer wieder ihr Gesicht verändert hat. „Heute kann man hier sehr gut erfahren, wie sich jede Zeit ihre eigene Erinnerung macht."

Schon die Dimensionen der zu Kriegszeiten geplanten und eingerichteten Anlage lassen heute vermuten, dass damals wissentlich Platz für viele Gräber gebraucht werden würde, und dass trotz geltender Genfer Konventionen, die eine humanitäre Behandlung von Kriegsgefangenen vorschrieb. Offensichtlich rechnete man schon 1941 mit vielen Toten aus dem Stammlager.

Die heutige Gestaltung hat die Kriegsgräberstätte im Wesentlichen seit 1956, als der ehemalige Lagerfriedhof nach Entwürfen des Volksbundes Deutsche Kriegsgräberfürsorge umgestaltet wurde: Aus ehemals 70 Grabreihen mit sowjetischen Massengräbern wurden 15 Grabfelder. Das sowjetische Denkmal wurde vom Land Niedersachsen gesprengt und durch ein neutrales Denkmal aus drei Steinstelen ersetzt.

Ein weiterer Einschnitt in der Gestaltung wurde 1986 mit der Begründung eines geringeren Pflegeaufwandes vollzogen: Auf dem Massengrab der ehemaligen KZ-Häftlinge insbesondere des Konzentrationslagers Neuengamme wurden die je zwei Gräber markierenden Kissensteine entfernt und Wiese angelegt. So ist heute kaum erkennbar, dass dies die Grabstätte für rund 3.000 ehemalige KZ-Häftlinge ist.

Über die Jahre sei der Gedenkstätte ein gefälliges Antlitz mit christlicher Symbolik verpasst worden, um eine Akzeptanz für diesen Gedenkort in der Öffentlichkeit zu erhalten. Das Verhältnis der Öffentlichkeit zu der Geschichte sei lange Zeit ambivalent gewesen, erläuterte Ehresmann. So erwähne der zentrale Gedenkstein zwar, dass auf dem Grabfeld ehemalige KZ-Häftlinge ruhten, aber dass diese in Sandbostel umgekommen seien, werde dort nicht erwähnt. Gleichzeitig sei auf vielen Postkarten der Nachkriegszeit ein Bild der parkähnlichen Anlage zu sehen gewesen.

Heute steht die Gemeinde offen zu ihrer Geschichte und ist anteiliger Träger der Stiftung. Längst hat man die historische Bedeutung auch als positiven Standortfaktor erkannt, der Besucher anlockt.

Seit die Möglichkeiten von Online-Archiven und einer Recherche im Internet besser geworden sind, melden sich noch immer Angehörige ehemaliger Kriegsgefangener, froh darüber, einen Ort der Trauer gefunden zu haben. Dadurch verändert sich auch heute noch das Gesicht dieser Gedenkstätte. Hin und wieder reisen dann ganze Familien aus Russland an, um an einem der Grabfelder symbolisch eine Namenstafel aufzustellen und eine Trauerzeremonie abzuhalten.

Aus der Erfahrung heraus, dass Namen für die Angehörigen sehr wichtig sind, arbeitet die Stiftung Lager Sandbostel derzeit an einem Projekt mit Jugendlichen, die auf dem Gelände der Kriegsgräberstätte einen Gedenkort errichten. Auf Betonstelen sollen alle namentlich bekannten sowjetischen Kriegsgefangenen, die in Sandbostel umkamen, mit Lebensdaten erwähnt werden. Mit der Umsetzung dieses Projekts wird man noch einige Jahre beschäftigt sein. Danach soll es in die Planung gehen, auch dem Massengrab der KZ-Häftlinge ein Gedenken zu geben, das die Anzahl der dort beerdigten Menschen berücksichtigt.